Die Mondpause
Dezember 2025
Der US-amerikanische Astronaut Eugene Cernan ist weitgehend unbekannt. Obwohl er einen Rekord hält, der von Jahr zu Jahr bedeutsamer wird. Er war der letzte Mensch auf dem Mond. Heute vor 53 Jahren (5.12.1972) verließ er den Erdtrabanten, den er als elfter Mensch und Kommandant der US-amerikanischen Apollo-17-Mission betretenen hat. Dabei ahnte er wohl selber nicht, dass es in seinem langen Leben keinen weiteren Menschen geben wird, der es ihm noch einmal gleich tut. Cernan starb im Jahre 2017. Der früheste Zeitpunkt einer nächsten bemannten Mondlandung im Rahmen des NASA-Programms Artemis ist mit Mitte 2027 angegeben. Ein Termin, der schon mehrfach verschoben wurde.
Zuallererst: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Cernan der letzte Mensch auf dem Mond bleiben wird. Und ich mag nicht spekulieren, ob er statt auf dem Mond möglicherweise nur in einem Filmstudio gelandet ist.
Mich interessiert, wie Menschen im Jahre 1972 - also zum Zeitpunkt der Apollo-17-Mond-Mission - die Zukunft der Raumfahrt gesehen haben. Deswegen fragte ich GROK, wann man denn seinerzeit den ersten Menschen auf dem Mars erwartete. Ich ahnte es: in der Euphorie der Raumfahrt-Erfolge verschätzte man sich erheblich. Man glaubte, dass der erste Mensch in den 80er Jahren auf dem Mars sein würde. Die kühnste Schätzung stammt ausgerechnet vom Top-Experten und Vater des Mondprogramms - Wernher von Braun. Er prognostizierte die Rückkehr vom Mars für das Jahr 1983. Die heutigen Erwartungen für einen frühest möglichen Zeitpunkt liegen in den 2030er Jahren. Und diese Aussage sollte so gelesen werden, dass es vorher gänzlich ausgeschlossen ist.
Für die lange "Mondpause" werden neben der für die amerikanische Raumfahrt insgesamt
ungünstigen Entscheidung für die Space-Shuttle-Technik vor allem wirtschaftliche
Gründe angegeben. Die Mond-Raumfahrt wird als teures Prestige-Objekt dargestellt, das
mit dem Sieg gegen die Sowjets seinen Sinn verloren hat. Letztere scheiterten im Wettlauf
zum Mond an der Konstruktion einer ausreichend großen Rakete.
Dennoch müsste
man die US-Amerikaner fragen, warum binnen 3 Jahren 6 Mondmissionen finanzierbar waren,
später jedoch keine einzige mehr. Das amerikanische Trauma jener Zeit - der Vietnam-Krieg -
war 5mal teurer als das gesamte Apollo-Programm. Und außerdem hätte ja der
technische Fortschritt der folgenden Jahrzehnte die Kosten für weitere Expeditionen
verringern müssen. Es gab zudem Pläne und Visionen, aus der Mond-Raum-Fahrt
früher oder später kommerziellen Nutzen zu ziehen - Stichwort Mondbergbau.
Und schließlich denke ich, dass Nixon bei seiner Entscheidung, den NASA-Etat deutlich
zu kürzen bzw. das Apollo-Programm zu beenden, nicht vermutet hat, dass dies das
(weltweite) Ende der bemannten Mondraumfahrt für Jahrzehnte sein würde.
Zu bedenken wäre weiterhin, dass bei der bemannten Raumfahrt - anders als bei wissenschaftlichen Labor-Entwicklungen - menschliches Leben riskiert wird. Die erste bemannte Mondlandung Apollo 11 war eine Zitterpartie mit ungewissem Ausgang. Und das spätere "Houston wir haben ein Problem" steht für das riesige Glück, dass die Astronauten von Apollo 13 lebend zur Erde zurück kehrten. Vielleicht war den Akteuren von vornherein klar, dass früher oder später ein tragisches Unglück geschehen wird. Dass Astronauten in ihrer Kapsel verglühen, ist eine schreckliche Vorstellung. Dass sie aber vom Mond nicht mehr weg kommen und dort langsam sterben, ist blanker Horror.
Die Raumfahrt ist fest eingewoben in die Erzählung vom menschlichen Fortschritt,
in der sich alles vom Niederen zum Höheren, vom Kleinen zum Großen, vom
Langsamen zum Schnellen und vom Einfachen zum Komplizierten entwickelt. Gern werden
dabei vergangene Entwicklungen in die Zukunft extrapoliert. Das Ergebnis sind fast
immer Blütenträume, die viel vom Zeitgeist der Gegenwart erzählen, in
der sie geträumt wurden, aber am Ende nicht viel mit der eingetroffenen Zukunft
zu tun haben.
Allzumenschlich ist, dass sich Gefühle in die Prognostik
einschleichen und sich die Ergebnisse in Utopie und Dystopie polarisieren. Manchmal
sind die Gedankenspiele auch miteinander verwoben - gut nachzuvollziehen am Beispiel
des Klimawandels. Die Dystopie von der Klimakatastrophe auf der einen Seite begleitet
die Utopie, dass eine geeinte Menschheit die Katastrophe durch einen Bewusstseinswandel
und eine grüne Transformation abwendet. Oder auch: die Dystopie vom faulenden
Kapitalismus wird mit der Utopie des Sozialismus beantwortet.
Was wurde nicht schon alles im Bann gegenwärtiger Ereignisse prognostiziert. Eine Stadt mit Transmissionsantrieb, mit Druckluftgeräten betriebene Haushaltsküchen, Atomzüge, Mondbahnhöfe, der Super-GAU, das Killer-Virus, der geklonte Mensch, die Heilung aller Zivilisationskrankheiten mit Gentechnik, das Tele-Arbeits-Zeitalter (Home Office) und aktuell die gänzliche Abschaffung der Arbeit mittels KI und Robotik. Tamagotchi, Second Life, Alexa, Pokemon Go, Metaverse usw. - zu jedem Hype gab es auch einen Philosophen, der die Zeitenwende ausrief. Ende der Geschichte, Spaßgesellschaft, McDonaldisierung, Plattform-Kapitalismus, Zeitalter der Pandemien - ich lehne mich aus Erfahrung immer erst mal zurück, wenn neue Zukunfts-Kulissen auf ie Bühne geschoben werden.
Fazit: Angesichts dessen, was in den letzten 53 Jahren geschah oder eben nicht geschah, scheint mir die Geschichte zum ersten Menschen auf dem Mond mittlerweile zu sagen: "Na und?".
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