KI und Musik Teil 3
Februar 2026
In den beiden vorangegangenen Abhandlungen erläuterte ich, dass KI in der Musikwelt nicht
vorhandene Probleme löst, dass konventionelle Musiker nicht gerade erfreut über den
KI-Feldzug sind und dass es dennoch Kundschaft für die Anbieter der neuen Technologie gibt.
Meine Abhandlungen sind bisher ganz gut gealtert. Und das sage ich, weil die Weiterentwicklung
der KI so schnell geht, dass eine vor ein paar Monaten getroffene Aussage schnell lächerlich
werden kann. Etwa so wie damals im Jahr 2000, als ein bekannter Zukunftsforscher keine
Zukunft für das Internet sah.
Teil 3 - Wie geht es weiter?
Ich müsste mich jetzt also endlich auch auf das Glatteis wagen, und mich zu den gegenwärtigen und zukünftigen Fähigkeiten der KI bei der Musikerzeugung äußern und dazu, was ich davon halte. Nur merke ich, wie ich dabei im Denkprozess der letzten Monate die eine oder andere gewonnene Überzeugung schon über Bord werfen musste: "KI-Musik erkennt man.", "Die Leute wollen echte Musiker.", "KI ist nicht selbst kreativ.", "KI macht keine guten Texte.".Musiker sind selbst betroffen und daher voreingenommen. Musiker schwanken derzeit zwischen Stolz und Panik. Mal sind sie sich sicher, dass ihnen die KI nichts anhaben kann. Dann klagen sie aber über entgangene Gewinne und wollen von den KI-Betreibern Tantiemen wegen der Nutzung menschlicher Musik beim Training der KI. Mal lachen sie über KI, aber dann weinen sie plötzlich.
Ich lege mich fest: über die Zukunft der Musik entscheiden weder die Musiker, noch die KI.
Die Zukunft der Musik wird von den Hörern bestimmt. Ihr Verhalten und ihr Urteil prägen
die Musikwelt von morgen.
Ich wollte hier eigentlich erklären, was das spezifisch
menschliche an Musik ist, gerade in Bezug auf ihre Entstehung. Aber für eine Prognose ist
das unerheblich. Wenn die Masse der Hörer keinen Sinn für humane Nuancen und kein Herz
für musizierende Menschen hat, dann wird das passieren, was Elon Musk am 24.10.2025 bei
Joe Rogan sagte: „In fünf oder sechs Jahren, oder sogar früher, wird der
Großteil des von Menschen konsumierten Inhalts von KI generiert sein, wie Musik und
Videos.“
Wir kennen es schon aus anderen Bereichen: "handgemacht", "regional", "Bio" - das, was
früher nicht anders ging, wird mit dem Aufkommen neuer Produktionsformen zu einer Art
Gütesiegel. Das Relikt gilt in vielen Fällen als höherwertig gegenüber
der Massenware, moralisch sowieso. Aber das hat seinen Preis, den die Mehrheit meist nicht
zahlen will.
Es ist also egal, ob menschengemachte Musik "besser" als KI ist. KI-Musik
ist definitiv billiger und wenn sie vom Hörer akzeptiert wird, entscheidet der Preisvorteil
über die Marktanteile und damit über die Zukunft der Musiker.
Ich habe mich im Laufe meines Lebens daran gewöhnt, dass sich die Dinge nicht automatisch vom Niederen zum Höheren entwickeln, speziell wenn es um den Geschmack der Massen geht. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Neues immer erst einmal einen Krach zwischen Enthusiasten und Skeptikern verursacht. Es entscheidet aber der Markt, ob? wann? und wie? sich Dinge durchsetzen oder eben nicht. Vielgepriesenes Neues kann sich auch als Flop erweisen, oder als ein Übergang, der von der nächsten Entwicklung weggefegt wird. Ich würde mich nicht wundern, wenn Menschen bald wirklich in großer Zahl Veranstaltungen besuchen, in denen KI-Musik von Laser-Hologrammen oder Robotern präsentiert wird. Es gibt eine Gier nach Neuem - und die wird Neugier genannt.
Neugier ist ein Wesenszug der populären Musik. Das erwähnte ich in
Teil 1, als ich
über die Technologiefreudigkeit der Popmusik sprach. KI ist hier die nächste folgerichtige
Stufe.
Es gibt allerdings einen weiteren Wesenszug der populären Musik, der eher
dafür spricht, dass der Mensch in der populären Musik nicht komplett ersetzt werden kann.
Und das ist der Kult. Im Pop-Kult werden Menschen vergöttert, die sogenannten Stars. Popmusik
ohne Stars ist schwer vorstellbar.
Es gab eine Zeit, in der schon einmal der spielende Musiker
um seine Zukunft bangen musste. Dies war der Feldzug der elektronischen Musik ab der Jahrtausendwende.
Die Bedrohung kam damals von den Produzenten digitaler Tanzmusik - den DJs. Die Techno-Kultur ersetzte
allerdings nicht den Personenkult, nur die mit Instrumenten spielende Person. Bei den großen
Events richtete sich der Blick der Tänzer nach vorn auf die Bühne, wo der DJ wie ein
Priester die Messe zelebrierte.
Ob ein Publikum eine wie auch immer verkörperlichte
KI anbeten würde? Wie gesagt, ich schließe gar nichts mehr aus, gerade nach den
ästhetischen Entgleisungen der Menschen in der Corona-Zeit. Allerdings gehört zum Pop-Star
ja auch das Aussehen, die Kleidung, die Message und die Biografie. Meine Jugendzeit war von vielen
parallel existierenden popmusikalischen Subkulturen geprägt, zu denen neben der Musik allerlei
kultische Beigaben gehörten. So gern man diese oder jene Musik hörte, so erpischt war man
auf zusätzliche Informationen - Geschichten, Hintergründe, Meinungen.
Die große
Zeit der Subkultur stiftenden Musik ist vermutlich vorbei, aber trotzdem frage ich mich, wie
KI-generierte Musik das Bedürfnis gerade junger Menschen nach Identifikation befriedigen will.
Es geht in der Popkultur um mehr als nur um Musik.
Und wir dürfen einfach nicht vergessen, dass Musik nicht als Industriezweig oder Dienstleistung in die Welt gekommen ist. Der erste Musikhörer war jener, der als erstes Musik gemacht hat. Die Freude an der Erzeugung von Klang kommt noch vor der Freude am Hören von Klang. Die längste Zeit der Musikgeschichte war das Musikhören an die Anwesenheit eines musizierenden Menschen gebunden. Die längste Zeit der Musikgeschichte war Musik ein kollektives Ereignis. Dass Technik diesen Zusammenhang aufgelöst hat, bedeutet nicht, dass der ursächliche Mechanismus zerstört ist. Musikmachen macht Freude, zumindest musikalischen Menschen. Niemand startet seine musikalische Laufbahn mit der Absicht Geld zu verdienen. Der Spaß und die Leidenschaft stehen am Beginn. Daran konnte ein Synthesizer oder ein Computer nichts ändern. Daran kann und wird auch die KI nichts ändern.
Aktuell ist mir die interessante Meldung über den Weg gelaufen, dass die Musikplattform
Bandcamp KI-Inhalte komplett verbietet. Man erfährt, dass Melde-Buttons eingerichtet werden
und Inhalte nach Prüfung gelöscht werden.
Hmm, da werden schlechte Erinnerungen
wach. Kann man von einer Anti-KI-Zensur sprechen? Wie wird KI eigentlich nachgewiesen? Wurde schon
ein amtlicher Test entwickelt?
Wir sehen, dass sich das Thema einbettet in die großen
Fragen nach Segen und Fluch von Technologien, nach des einen Freud und des anderen Leid, nach Vor-
und Nachteilen der Freiheit und in die Diskussion um Werte, Konsens und Grenzen. Es tun sich in den
Lagern Gräben auf, etwa auf der - wenn man so will - "rechten" Seite zwischen traditionellen
Konservativen und freiheitlich gesinnten Tech-Fans. Und es bilden sich Schnittmengen zwischen
rechten und linken Fortschrittskritikern.
Man kann nicht bei Corona die Freiheit und die
Vernunft des einzelnen einklagen und dann beim Thema KI oder Social Media "Maßnahmen"
fordern.
Ich als Musiker mache mit dem weiter, was ich gelernt habe und was ich für
gut halte. Die KI kann mir möglicherweise dabei teilweise helfen. Aber aus meiner langjährigen
Erfahrung mit Musik und Technik allerdings sehe ich klare Einschränkungen
beim Einsatz von KI in der Musikproduktion, die ich dann gern irgendwann in einem nächsten
Teil erläutern werde.